Der Fluch der Loreley - Leseprobe

Ein Rascheln im Gebüsch jagte mir eine Gänsehaut über den Körper. Alarmiert schaute ich mich um. Der Teil des Parks, in dem ich mich befand, schien wie ausgestorben zu sein. Sogar das ältere Pärchen mit dem Hund, das ich erst vor einer Minute passiert habe, war nicht mehr zu sehen.

Es war bestimmt nur ein Vogel oder ein kleines Tier gewesen, beruhigte ich mich selbst. Trotz des fortgeschrittenen Abends war es noch sommerlich hell und bisher habe ich mich in dem Park immer sicher gefühlt. Es raschelte erneut und ich beschleunigte meinen Schritt. Was auch immer es war, ich sollte lieber zusehen, dass ich schnell nach Hause kam.

Plötzlich löste sich eine Gestalt aus den Büschen und sprang mir in den Weg.

Ich keuchte erschrocken auf und blieb wie angewurzelt stehen. Mein Herz vollführte einen wilden Purzelbaum in meiner Brust.

Der Kerl war nur etwa einen Meter von mir entfernt. Er war schlaksig, aber größer als ich, wenn auch vermutlich nicht viel älter. Seine Kleidung war dreckig und zerrissen und er stank. Seine Augen waren unnatürlich geweitet – ein Junkie. Normalerweise krochen sie erst nach Einbruch der Dunkelheit aus ihren Löchern.

»Haste eine paar Euro?«, nuschelte er undeutlich.

Ich zog die Schultern hoch, schüttelte hastig den Kopf und drückte meine Umhängetasche enger an den Körper. Einfach nicht beachten, zügig vorbeigehen und den Park verlassen. Es war nicht mehr weit. Hinter der nächsten Kurve würde ich schon die Straße sehen können.

Ich wich auf den Rasen aus, um einen möglichst großen Bogen um den Typen zu machen. Doch viel schneller, als ich es ihm in seinem Zustand zugetraut hätte, schoss er auf mich zu. Seine Hand schloss sich schmerzhaft um mein Handgelenk.

»Ah!« Ich schrie auf und versuchte, mich loszureißen.

Von irgendwoher zog der Typ plötzlich ein Messer. »Gib mir deine Kohle, du Schlampe!«

Ich sprang zurück, soweit es mir sein Griff um meinen Arm erlaubte. Das Messer verfing sich in meiner Tasche und ich nutzte den Moment, um mich zu entwinden.

Das Messer glitt durch den festen Stoff, ich stolperte zurück und stürzte durch meinen eigenen Schwung zu Boden. Ich merkte, wie die Haut an meinen Handflächen aufschürfte, doch die Panik ließ mich keinen Schmerz fühlen. Drohend trat der Typ auf mich zu.

»Hilfe!« Mein Schrei klang eher krächzend als laut. Ich rappelte mich auf und versuchte vor ihm wegzulaufen, doch er war schneller, packte mich an der Schulter und wirbelte mich herum. Ich sah die Klinge auf mich zukommen und schrie erneut. Todesangst verlieh meiner Stimme Kraft. Irgendjemand musste mich doch hören! Verzweifelt streckte ich meine Hände aus, als könnte ich damit den unausweichlichen Hieb seiner Klinge abwenden.

Der Typ erstarrte. Keine Ahnung, ob es mein Schrei gewesen war, der ihn zur Besinnung brachte, oder ob es doch noch irgendwo einen Funken Verstand in seinem umnebelten Hirn gab. Mir war es herzlich egal. Ich riss mich los und rannte blindlings den schmalen Weg entlang.

»Hey, Vorsicht!«

Ich merkte erst, dass da jemand war, als er mich an den Schultern festhielt, damit ich ihn nicht umrannte. Erschrocken schaute ich hoch. Noch eine Auseinandersetzung würde ich nicht überstehen. Mein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, meine Knie zitterten und ich fühlte mich einem hysterischen Zusammenbruch nahe.

»Alles in Ordnung?« Zwei dunkelbraune Augen musterten mich besorgt. »Ich habe einen Schrei gehört ...«

»Ja.« Fahrig kämmte ich mir eine Strähne aus dem Gesicht. Mir war furchtbar übel. Vermutlich eine Nachwirkung des Schocks. »Der Junkie da hat mich angefallen.« Ich drehte mich um und deutete auf den Kerl, der mich seinerseits verwirrt musterte. Dann wandte er sich abrupt um und rannte davon.

»Den werden wir wohl nicht mehr einholen«, sagte mein Retter bedauernd.

Ich zuckte mit den Schultern. So zugedröhnt, wie der war, hätte das ohnehin nichts gebracht.

»Kannst du gehen?«, fragte er freundlich.

Ich nickte und nutzte die Gelegenheit, mir mein Gegenüber genauer anzusehen. Er musste einige Jahre älter sein als ich – Anfang zwanzig vielleicht. Und er sah fast schon unverschämt gut aus – groß, sportlich, mit dichten, dunklen Haaren, braunen Augen, einer geraden Nase und einem markanten Kinn, dem ein kleines Grübchen etwas von seiner Strenge nahm. Und trotz seiner imposanten, fast schon einschüchternden Erscheinung machte das Lächeln auf seinen vollen Lippen ihn durch und durch sympathisch.

»Ich bin Erik.« Er streckte mir mit einem betretenen Grinsen seine Hand entgegen, als hätte er sich gerade erst auf seine Manieren besonnen.

»Cara.« Ich drückte kurz seine Finger. »Danke, dass du auf meinen Hilferuf reagiert hast.« Allmählich klang das Zittern in meinem Körper ab. Der Magen fühlte sich zwar noch immer flau an, aber wenigstens hatte ich nicht mehr das Gefühl, Erik jeden Moment auf die Schuhe kotzen zu müssen.

»Ist doch selbstverständlich. Was machst du überhaupt um diese Uhrzeit so ganz alleine im Park?«

Sein Ton erinnerte mich schlagartig an meinen Vater und vertrieb die letzte Benommenheit.

Na klasse! Da renne ich einen voll heißen Typen beinah über den Haufen und er sieht in mir bloß ein kleines Mädchen.

»Es ist noch hell genug!«, gab ich pampig zurück, was ihm ein Schmunzeln entlockte.

»Umso schlimmer. Dann kann jeder Widerling sofort sehen, wie hübsch du bist.«

Woah. Das hatte ich nicht erwartet und spürte, wie mir sofort die Hitze ins Gesicht stieg. »Ich muss jetzt los«, nuschelte ich verlegen, weil ich nicht wusste, was ich darauf erwidern sollte.

»Ich begleite dich, zur Sicherheit.« Wie selbstverständlich stellte er sich neben mich. »Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?«, fügte er hinzu, als ich zögerte.

»Natürlich.« Ich setzte mich steifbeinig in Bewegung. Seine Gegenwart beunruhigte mich. Allerdings auf eine äußerst angenehme Weise, eine Weise, die ich absolut nicht gewöhnt war.

Natürlich war ich schon öfter mit Jungs ausgegangen, habe ein paarmal auf Partys rumgeknutscht und mit Jan war ich sogar drei Monate lang zusammen. Immerhin war ich schon fast siebzehn. Aber das waren alles Jungs gewesen, alle aus meiner Stufe oder eine Klasse darüber. Erik hingegen spielte in einer ganz anderen Liga.

»Wo wohnst du denn?«, fragte er, als wir den Parkausgang erreichten.

Autos fuhren ratternd an uns vorbei und auf dem Bürgersteig sah ich sogar noch einige Fußgänger. Ich spürte, wie der letzte Rest der Anspannung von mir abfiel. Hier fühlte ich mich sicher. »Du musst wirklich nicht mitkommen. Jetzt schaffe ich es auch alleine.«

»Das Risiko kann ich nicht eingehen.« Er grinste. »Es ist immer noch viel zu hell.«

Ich schnaufte geschmeichelt und setzte mich erneut in Bewegung.

»Bist du öfter hier im Park?«, fragte er. »Wenn ja, sollte ich vielleicht eine regelmäßige Patrouille einrichten.«

Ich lachte. »Um armen Jungfern in Not beizustehen? Keine Angst, heutzutage wissen wir uns selbst zu helfen.«

Er musterte mich ernst. »Das glaube ich dir gern.« Dann entspannte sich seine Miene und er schlug wieder einen lockeren Ton ein. »Du machst es mir aber auch wirklich nicht leicht.«

»Was denn?«

»Mehr über dich in Erfahrung zu bringen. Bisher weiß ich nur, dass du Cara heißt. Aber nicht, womit oder was noch viel wichtiger ist – mit wem – du die letzten Tage deiner Sommerferien verbringst. Du gehst doch noch zur Schule, oder?«

»Ja. Ein Jahr muss ich noch.« Ich schaute ihn kokett von der Seite an. Hatte er gerade durch die Blume gefragt, ob ich einen festen Freund habe? In meinem Bauch begann es aufgeregt zu kribbeln. »Und ich war bei meiner besten Freundin Jessie.«

»Das höre ich gern. Was ist los?«, fügte er hinzu, als ich unsicher stehenblieb.

Wir hatten unser ruhiges Wohnviertel abseits der Kölner Innenstadt erreicht. Das Gefährlichste, was mir hier zustoßen konnte, war, dass mich der kleine Köter von Frau Burmann durch den Zaun hindurch ankläffte. Und irgendwie widerstrebte es mir, mich von Erik bis an die Haustür begleiten zu lassen. Immerhin kannte ich ihn gar nicht und die ständigen Ermahnungen meiner Eltern saßen einfach zu tief. Außerdem wollte ich bestimmt nicht riskieren, dass sie – oder gar meine vorlaute, kleine Schwester Zoe – ihn durchs Fenster erblickten. Dann würde ich mir endlose Fragen anhören müssen. Und wenn die Eltern erfuhren, was im Park geschehen war, würde ich mich vermutlich gar nicht mehr frei bewegen dürfen. Sie waren manchmal echt überfürsorglich.

»Es ist jetzt wirklich nicht mehr weit«, erklärte ich mit Nachdruck.

»Ist das deine charmante Art, mir mitzuteilen, dass unsere Wege sich hier trennen?«

»So ungefähr.«

Er musterte mich grinsend. »Bekomme ich wenigstens deine Nummer?«

»Wozu?«

»Um mich zu vergewissern, dass du es wirklich gut nach Hause geschafft hast. Sonst kriege ich heute Nacht kein Auge zu, sondern klebe bloß am Newsticker oder versuche mich in den Polizeifunk zu hacken.«

Er trug ziemlich dick auf, aber ich musste zugeben, dass mir das irgendwie gefiel. Die Jungs, die ich kannte, waren weder so hartnäckig noch so schlagfertig wie er. Ich seufzte übertrieben. »Das kann ich natürlich auf keinen Fall zulassen.«

»Puh!« Erleichtert drückte er die Hand auf sein Herz, bevor er sein Smartphone hervorholte.

Rasch gab ich ihm die Nummer durch. Er steckte das Handy weg und musterte mich abwartend. Einen Moment lang herrschte angespannte Stille. Offensichtlich wollte er sich noch nicht verabschieden und ich wusste nicht genau, wie. »Danke für den Begleitschutz«, sagte ich schließlich.

»Immer wieder gern«, erwiderte er.

»Bis dann.« Ich nickte ihm noch einmal kurz zu und wandte mich ab. Ich spürte seinen Blick auf meinem Rücken ruhen, doch ich drehte mich nicht um. Ich wollte auf keinen Fall zu interessiert an ihm erscheinen ...

 

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