Wie Gräser im Wind

Prolog

 

Müde stützte Yvo ihre Arme an der dunklen Küchenplatte ab und wartete, bis ihre Atmung sich wieder beruhigte. Ihr Körper wollte einfach nicht mehr so, wie sie es wollte.

Sie liebte die Sonntage, wenn sich die ganze Familie bei ihnen versammelte, wenn das Lachen und die trippelnden Schritte ihrer Urenkel die sonst eher stille Wohnung mit Leben erfüllten. Aber sie konnte nicht leugnen, dass es sie anstrengte. Sie war schon lange keine zwanzig mehr.

Ihre Aufmerksamkeit wanderte nach draußen, durch das Fenster, wo Harri gerade im Begriff war, Himbeeren mit dem Urenkel zu pflücken. Sie sah, wie Harris Finger leicht zitterten, als sie sich um eine saftige Beere schlossen, bemerkte, wie vorsichtig er einen Schritt vor den anderen tat.

Auch er war alt geworden, sehr alt.

Als hätte er durch das Fenster ihren Blick gespürt, wandte er seinen Kopf und sah sie an. Yvo lächelte. Sein Haar war weiß und schütter, seine Haut faltig und vom Alter gezeichnet, doch das Feuer in seinen großen, dunklen Augen war ungebrochen. Es lag noch immer die gleiche Liebe darin wie vor fast siebzig Jahren.

Laute Rufe aus dem Nebenzimmer rissen sie aus ihrer Versunkenheit. Kinderschritte hallten im Flur.

»Oma, was ist das?« Aufgeregt schoss Yvonne in die Küche, ihre beiden kleineren Cousinen im Schlepptau. Das Mädchen hielt ihr fragend eine silberne Kette entgegen, an der ein großer, in all den Jahren fast schwarz angelaufener Anhänger baumelte.

»Habt ihr etwa in meiner Schmuckschatulle gekramt?« Missbilligend schüttelte Yvo den Kopf, konnte sich ein Lächeln aber nicht ganz verkneifen.

»Das sind so schöne Sachen drin!«, schwärmte Miri entschuldigend.

»Was ist das, Oma?«, beharrte Yvonne. »Es sieht alt aus.«

»Oh ja, das ist es.« Behutsam nahm Yvo dem Mädchen die Kette ab, strich mit dem Fingern wehmütig über die filigranen Verzierungen, tastete nach dem verborgenen Verschluss des Medaillons.

Wie lange hatte sie es nicht mehr betrachtet, wie lange nicht mehr in die Hände genommen?

»Es hat einst meiner Urururgroßmutter gehört«, setzte Yvo zu einer Erklärung an, als ihr auffiel, dass die Mädchen sie noch immer neugierig musterten. »Diese Kette ist über 200 Jahre alt. Meine Vorfahren nahmen sie mit, als sie Deutschland auf der Suche nach einer besseren Zukunft verließen, sie sollte sie immer an ihre Heimat erinnern.« Sie verstummte und atmete tief durch.

Bilder, die sie längst vergessen zu haben glaubte, stürmten plötzlich auf sie ein, fluteten ihren Geist.

Diese Kette hatte zweimal die halbe Welt umrundet und unvorstellbares Leid, grausame Ungerechtigkeit sowie pures Glück miterlebt.

 

 

Kapitel 1

1930, deutsche Siedlung auf der Halbinsel Krim, Sowjetunion

 

Das laute Rattern eines Motors ließ Anna alarmiert innehalten. In ihrem Dorf besaß niemand einen Wagen. Das Geräusch konnte also nur eins bedeuten.

Von einer dunklen Vorahnung erfüllt, wischte sie sich hastig die Hände, die vom Kneten des Brotteigs ganz mehlig geworden waren, an der langen Schürze ab und trat vorsichtig ans Fenster.

Sie hatte sich nicht geirrt. Ein Kleinlaster fuhr die Hauptstraße des Dorfes entlang. Drei bewaffnete Männer von der Volkskommission für innere Sicherheit saßen darin.

Anna stockte der Atem. Selbst Yvo, die in der Ecke mit ihren Holzklötzchen spielte, schien die plötzliche Anspannung der Mutter zu spüren, und wurde ganz still.

Besorgt schaute Erich von seinen Hausaufgaben hoch. »Mama?«

»Schht.« Schweigen gebietend hob Anna ihre Hand und wagte erst wieder aufzuatmen, als der Wagen die Haustür passiert hatte. Besorgt folgte sie ihm mit den Augen und spürte, wie sich ein eisiger Klumpen in ihrem Magen ausbreitete, als das Fahrzeug vor dem Pfarrhaus abrupt hielt. Das verhieß nichts Gutes.

Rufe wurden draußen laut. Anscheinend wurde den Männern der Eintritt verwehrt.

»Mama, was ist los?« Ängstlich trat Erich zu ihr und versuchte, einen Blick aus dem Fenster zu erhaschen. Yvo lief tapsig auf sie zu und drückte sich an ihre Knie.

Zitternd schlang Anna sich ein Wolltuch um die Schultern und warf ihren Kindern einen unsicheren Blick zu. Sollte sie es wirklich wagen, jetzt hinauszugehen, sich einzumischen?

Anna atmete tief durch. Ihr würde schon nichts passieren. Das Interesse der Männer galt dieses Mal offensichtlich Pfarrer Friedrich. Doch sie konnte einfach nicht zulassen, dass die Sicherheitsmiliz auch Rita, dessen kleine Tochter, mit sich nahm, um sie in irgendein Waisenhaus zu stecken.

Ernst sah Anna ihren Sohn an, der ihren Blick für seine acht Jahre viel zu verständig erwiderte. »Erich, du bleibst bei Yvo. Hast du mich verstanden?«

Er nickte unsicher.

»Und egal was passiert, ihr bleibt hier im Haus.«

»Ja, Mama.« Er nickte erneut und nahm seine kleine Schwester tapfer bei der Hand. »Komm Yvo, wir bauen jetzt einen ganz hohen Turm.«

Anna sah ihm dankbar hinterher und huschte dann aus dem Haus.

Sie kam gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie sich die Tür des Pfarrhauses öffnete und Friedrich Hamann mit gefasstem Gesicht heraustrat. Schnell drückte sie sich hinter einen Baum, der im Vorgarten des Nachbarhauses stand.

Annas Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Friedrich wusste genau, was geschehen würde. Und sie wusste es auch. Wenn er Glück hatte, warteten nur zehn Jahre in einem sibirischen Arbeitslager auf ihn.

Einer der Männer – offensichtlich der Ranghöchste – packte Friedrich grob am Arm und zog ihn mit sich. »Wieso hat das so lange gedauert? Hast wohl versucht, Beweise zu vernichten? Glaub mir, das wird dir nichts nützen, wir können bezeugen, dass du drinnen etwas getan hast.«

Würdevoll entriss Friedrich ihm seinen Arm.

»Wie soll ich Beweise vernichten, wenn ich nicht einmal weiß, wessen man mich anklagt?«

»Diese Lücke können wir gerne schließen.« Der Mann holte ein offizielles Papier aus seiner Umhängetasche. »Friedrich Hamann, Sie sind verhaftet wegen der Verbreitung antisowjetischer Propaganda und Verbrechen gegen das Volk.«

Kein Muskel zuckte in dem Gesicht des Pfarrers.

Es spielte keine Rolle, wessen man ihn beschuldigte. Das Urteil stand bereits fest. Er hatte Einfluss auf die Gemeinde, eine Gemeinde, die trotz der Enteignungen und der horrenden Abgaben noch immer etwas besaß. Und das allein reichte aus, um den Unwillen der Obrigkeit auf sich zu ziehen. Die Tatsache, dass sie sich dieses bisschen durch Fleiß, harte Arbeit und Ausdauer Tag für Tag erkämpfen mussten, schien niemanden zu interessieren.

»Ich habe diese Verbrechen nicht begangen«, erklärte Friedrich ruhig. »Ich bin ein Mann Gottes.«

»Schlimm genug!« Der linke der Männer boxte ihm in den Bauch. »Für solche wie dich gibt es in der neuen Weltordnung ohnehin keinen Platz mehr.« Seine Kameraden feixten.

»Nun denn. Dann lassen Sie uns gehen.«

Anna biss sich auf die Lippe, um ein Schluchzen zu unterdrücken. Er war der Mann ihrer besten Freundin Berta gewesen, die vor knapp einem Jahr gestorben war. Sie hatten alle gemeinsam unzählige Abende verbracht, gescherzt, gelacht, gesungen. Sie konnte nicht glauben, dass dieser lebensfrohe, leidenschaftliche Mensch sich so widerstandslos in sein Schicksal ergab.

»Nicht so eilig, Freundchen. Erst müssen wir sehen, was du sonst noch alles dort drin versteckst!«

Zum ersten Mal, seit er das Haus verlassen hatte, huschte eine Regung über Friedrichs Gesicht. Und plötzlich verstand Anna, wieso er so lange gezögert hatte, der Sicherheitsmiliz seine Tür zu öffnen – es war wegen Rita.

Er musste sie irgendwo versteckt haben. Nur deshalb blieb er so ruhig – weil er hoffte, dass sich die Männer mit ihm zufriedengeben und seine Tochter in Ruhe lassen würden.

Doch er hatte nicht mit ihrer Gier gerechnet. Wenn es in dem Haus irgendwelche Wertsachen gab, würden die treuen Mitglieder der Sicherheitskommission sie sich bestimmt nicht entgehen lassen.

»Im Haus ist nichts!«, rief Friedrich verzweifelt, doch die Männer beachteten ihn nicht.

»Du passt auf ihn auf«, wies der Anführer den Jüngsten in ihrer Truppe an. »Wir schauen uns drinnen mal um.«

Der junge Mann musterte den Gefangenen nervös und nestelte mit den Fingern am Griff seiner Waffe. Offensichtlich war er noch nicht lange dabei.

Friedrich schloss seine Augen und aus ihrem Versteck heraus konnte Anna sehen, wie er stumm seine Lippen bewegte.

Sie krallte ihre Finger in die harte Baumrinde und stimmte in sein leises Gebet mit ein.

Bitte Herr, lass die Männer Rita nicht entdecken. Und bitte sei gnädig zu Friedrich.

Doch dieses Mal wurden ihre Gebete nicht erhört.

Ein spitzer Schrei ertönte aus dem Inneren des Gebäudes und Friedrich riss erschrocken die Augen auf. Sein Körper zuckte, als wollte er ins Haus stürmen.

»Keine Bewegung!«, rief der junge Milizionär zitternd und holte seine Waffe hervor.

»Schon gut!« Friedrich riss beschwichtigend die Arme hoch.

Im nächsten Moment tauchten die beiden Männer auf der Türschwelle auf, eine völlig verängstigte Sechsjährige zwischen sich.

»Vater!« Rita schrie gellend auf und stürmte auf ihn zu.

Friedrich ließ sich zu Boden fallen und schlang sie in seine Arme.

»Vater, ich habe versucht, mich zu verstecken«, schluchzte das Mädchen aufgelöst. »Aber die Männer haben mich trotzdem gefunden. Ich habe es wirklich versucht.«

»Ich weiß.« Er drückte das Kind fest an sich, während sich in seinen eigenen Augen die Tränen sammelten. »Alles wird gut, es wird alles gut.«

»Das reicht jetzt!« Grob riss der Anführer ihn auf die Beine.

»Vater!« Panisch versuchte Rita, sich an ihn zu klammern.

»Ist schon gut. Ich muss nur kurz mit den Männern mitgehen. Ich bin ganz bestimmt bald wieder zurück.«

»Nein!« Verwirrung, Angst und Trotz mischten sich in den Blick, mit dem das kleine Mädchen die Männer bedachte. »Und ich?« Endlich schien sie den Ernst ihrer Lage zu begreifen.

»Du kommst ins Heim«, erklärte der Anführer schroff und zog sie von Friedrich fort.

»Vater?« Rita sah ihn verängstigt an. Es war offensichtlich, dass sie die russischen Worte des Mannes nicht verstanden hatte. Sie schrie erneut auf, als der Mann sie weiter fortzuziehen versuchte, und begann, sich mit Händen und Füßen gegen seinen Griff zu wehren. »VATER!«

»Sei still!« Der Milizionär verpasste ihr eine so schallende Ohrfeige, dass das Kind zu Boden geschleudert wurde.

»Lasst sie in Ruhe!«, donnerte Friedrich und stürzte zu seiner Tochter.

In diesem Augenblick ertönte ein Schuss.

Anna brauchte einen Moment, um zu begreifen, was sie gerade sah. Friedrich lag auf dem Boden, seine leichenblasse, erstarrte Tochter halb unter sich begraben. Ein großer Blutfleck breitete sich rasant auf seinem Rücken aus.

»Er … Er wollte fliehen«, stammelte der junge Milizionär erschrocken, den rauchenden Revolver noch immer in der Hand. »Ihr … Ihr habt es doch genau gesehen?«

Der Anführer zuckte gleichgültig mit den Achseln. »Aber klar haben wir das. Ein Rückenschuss ist genau das Richtige für diesen Verräter.«

»Vater? Vater?« Rita konnte nur noch flüstern.

Mein Gott, wieso hilft ihr denn keiner? Tränen liefen Anna ungehindert übers Gesicht. Hilfesuchend sah sie sich um. Doch sie wusste, dass die Nachbarn genauso viel Angst um ihre eigenen Familien hatten wie sie. Deshalb hatte sich noch niemand hinausgetraut, obwohl sie ganz sicher war, dass alle die grauenvolle Szene, die sich gerade vor ihnen abspielte, entsetzt mitverfolgten. Doch Frauen konnten hier ohnehin nichts ausrichten und die Männer waren alle auf dem Feld. Und vielleicht war das sogar besser so. Sonst wäre es womöglich zu noch mehr Blutvergießen gekommen.

Annas Blick fiel auf Rita, die sich nun völlig verstört aufrichtete, nachdem einer der Männer den Körper ihres Vaters mit einem Fußtritt beiseitegerollt hatte.

Sie schien noch immer nicht ganz zu begreifen, was soeben passiert war.

Noch bevor es Anna bewusst wurde, was sie da eigentlich tat, lief sie schon aus ihrem Versteck und zog das unter Schock stehende Kind fest an sich.

Sie spürte, wie Rita sich dankbar an sie lehnte, wie sich ihre Hände haltsuchend in Annas Oberschenkel krallten, und wusste, sie würde das Mädchen nicht im Stich lassen können.

»Vater …?« Ritas Schultern zitterten.

»Schht.« Beruhigend strich Anna ihr über den Kopf und hoffte inständig, dass sie gerade keinen fatalen Fehler beging.

»Ihr Name?« Streng sah der Anführer sie an.

Anna schluckte. »Anna Scholz.«

»Nun, Genossin Scholz. Was wollen Sie?«

»Das Mädchen. Sie hat eine Tante in der Ukraine. Ich kann mich um sie kümmern, bis diese sie zu sich holen kann.«

Der Mann dachte kurz nach, dann zuckte er gleichgültig mit den Schultern. »Von mir aus. Ein Balg weniger, um das wir uns sorgen müssen.« Dann beugte er sich zu dem toten Pfarrer hinunter und fühlte nach dem Puls. »Schreib auf«, befahl er anschließend seinem zweiten Mann. »Todesdatum: 27. September 1930. Festgenommen wegen Verbreitung antisowjetischer Propaganda und Verbrechen gegen das Volk. Erschossen auf der Flucht.«

Nachdem er damit fertig war, sah er Anna, die sich nicht zu rühren wagte, fest an. »Sie dürfen ein paar Sachen für das Kind zusammenpacken, der restliche Besitz des Verräters ist ab sofort von der Regierung beschlagnahmt. Morgen kommt jemand vorbei, um sich darum zu kümmern.«

»Und was ist … damit?« Zitternd deutete Anna auf Friedrichs leblosen Körper.

»Den werden wir wohl mitnehmen müssen.«

Sie nickte. Wie gern hätte sie Friedrich ein christliches Begräbnis ermöglicht, doch sie wagte es nicht, dem Mann zu widersprechen. Sie hatte sich schon genügend in Gefahr gebracht, indem sie sich für Rita eingesetzt hatte. Eine offene Sympathiebekundung für einen Verräter konnte sie sich einfach nicht leisten.

»Danke, Genosse.« Sie rang sich ein Lächeln ab.

 

Rita versuchte, sich aus ihrer Umarmung zu befreien, als die Männer den Körper ihres toten Vaters auf die Ladefläche des Lasters hievten, doch Anna hielt sie eisern fest. »Schau nicht hin, Schatz«, flüsterte sie ihr leise ins Ohr. »Schau nicht hin.«

Doch sie selbst konnte nicht den Blick davon nehmen, auch nicht, als die Männer sich langsam entfernten. Wie gebannt starrte sie ihnen hinterher, bis sie aus ihrem Sichtfeld verschwanden. Und sie wusste, dass der Anblick von Friedrichs leblosen Körper, der achtlos quer über der Ladefläche lag, sie noch lange in ihren Albträumen heimsuchen würde.

»Lass uns gehen, Schatz«, sagte sie leise zu Rita.

Vertrauensvoll sah das Mädchen zu ihr hoch. »Und wohin?«

»Zu uns nach Hause.« Anna lächelte ihr aufmunternd zu. »Du wirst eine Weile bei uns bleiben.«

Rita nickte und steckte wie selbstverständlich ihre kleine, kalte Hand in die Annas.

 

***

 

»Anna, Schatz, ist alles in Ordnung?« Wilhelm kam durch die Hintertür hereingestürmt und schaute sie besorgt an. »Ich habe es gerade erst gehört.«

»Mir geht es gut.« Dankbar schmiegte sie sich an die Brust ihres Mannes und genoss den Trost, den er ihr allein durch seine Anwesenheit schenkte.

»Es tut mir leid, dass ich nicht hier war …«

Sie schüttelte heftig mit dem Kopf. »Du hättest nichts ausrichten können.«

Betreten senkte Wilhelm seinen Blick. Darauf hatte er nichts zu erwidern.

Sie waren machtlos, der Obrigkeit auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Schon seit dem Krieg zwischen Deutschland und Russland sah man sie fast schon als Feinde im eigenen Land, obwohl sie niemandem etwas getan hatten. Sie wollten nichts weiter, als in Ruhe zu leben.

»Du hättest dich nicht so in Gefahr begeben dürfen«, riss Wilhelms Stimme Anna aus ihren trüben Gedanken.

Kämpferisch reckte sie ihr Kinn vor. »Ich konnte Rita doch nicht im Stich lassen.«

»Ich weiß.« Er strich besänftigend mit den Fingern über ihre Wange. Seine raue, schwielige Haut kratzte leicht über die ihre und sie spürte, wie sie sich unter seiner Berührung wieder entspannte. Sie nahm seine Hand und drückte sie fest. So rau, so stark – die Hand eines Bauern.

Dabei hatte er nie etwas anderes sein wollen als ein Ingenieur. Seit er ein kleiner Junge war, hatte er davon geträumt, Maschinen für die landwirtschaftliche Fabrik zu entwickeln, die seinem Vater gehört hatte. Aber das Schicksal hatte es anders entschieden. Die Fabrik war weg ebenso wie der beachtliche Grundbesitz der ehemals so wohlhabenden und einflussreichen Familie Scholz – enteignet im Nachgang der Oktoberrevolution, die die Herrschaft des Volkes einleitete.

Doch sie wollte sich nicht beschweren. Wilhelm waren zumindest dieses Haus geblieben und ein paar Hektar Land. Andere hatten noch viel weniger und konnten die horrenden Abgaben, die ihnen auferlegt wurden, kaum entrichten.

Anna schauderte. Es kamen schwere Zeiten auf sie zu. Sie hatte keinen Zweifel daran, dass die Sowjetregierung erst ruhen würde, wenn niemand mehr irgendetwas besaß und die einst so ertragreichen Felder nichts mehr abwarfen, weil sich niemand mehr verantwortlich für sie fühlte.

»Und was wird jetzt aus ihr?«

Annas Blick folgte dem ihres Mannes. Rita saß kerzengerade am Küchentisch und schien nicht einmal die Tasse frischer Milch zu bemerken, die Erich ihr fürsorglich hingestellt hatte. Anna schaute ihrem Sohn zu, wie er Rita zögerlich die Hand auf die Schulter legte und sie so in ihrer stummen Trauer zu trösten versuchte. Annas Herz quoll vor Liebe und Stolz förmlich über, als sie ihren Sohn betrachtete. Wann war er bloß so erwachsen geworden? Noch gestern hatte er die kleine Rita kaum eines Blickes gewürdigt und heute nahm er sich ihrer ganz selbstverständlich an.

»Bertas Schwester Agnes wohnt in der Nähe von Winnyzja. Bevor sie starb, hatte sie mir die Adresse gegeben – für alle Fälle, weißt du.« Ihre Stimme zitterte und Wilhelm strich ihr beruhigend über den Rücken. »Ich werde ihr schreiben, damit sie das Kind zu sich holt.« Sie sah ihren Mann fragend an. »Und so lange würde ich sie gern bei uns behalten.«

Er nickte.

»Danke.« Sie drückte ihm einen zärtlichen Kuss auf die Wange. »Du solltest dich jetzt frisch machen, gleich gibt es Abendessen.«

 

Es dämmerte bereits, als die Kinder endlich im Bett lagen. Obwohl Rita nach außen hin so gefasst zu sein schien, war sie jedes Mal regelrecht in Panik geraten, sobald Anna das Kinderzimmer verlassen hatte. Und so war ihr nichts anderes übrig geblieben, als bei dem kleinen Mädchen zu sitzen, bis es endlich eingeschlafen war.

Müde setzte Anna sich nun zu Wilhelm an den Küchentisch und goss sich einen Tee ein.

»Das mit Friedrich war bloß der Anfang«, bemerkte ihr Mann grimmig.

Sie schauderte und schmiegte sich unwillkürlich an ihn.

Er lächelte entschuldigend. »Es tut mir leid, ich wollte dir keine Angst machen. Aber du weißt, wie das ist. Erst holen sie den Pfarrer, dann den Lehrer und dann alle anderen, die auch nur ein Körnchen Einfluss haben.«

»Gott wird uns beistehen«, entgegnete Anna fest.

Wilhelm schnaubte freudlos. »Das hat Friedrich bestimmt auch gedacht.«

Das Klopfen an der Tür enthob Anna einer Antwort. Erschrocken sprang sie auf und sah ihren Mann aus weit aufgerissenen Augen an.

Die Männer der Sicherheitskommission kamen fast immer nachts, wenn alle schliefen. Damit ihnen auch ja niemand entwischte. Das mit Friedrich war eine große Ausnahme gewesen, vermutlich hatten sie gewollt, dass alle sahen, was mit Verrätern geschah.

Wilhelm schüttelte beruhigend den Kopf. »Ich habe keinen Motor gehört.«

»Ich bin’s, Hilde Pfeiffer«, tönte es zur Bestätigung dumpf durch die Tür.

Trotzdem warf Anna einen vorsichtigen Blick durch das Fenster, bevor sie die Frau einließ.

»Oh mein Gott, Anna, das mit Friedrich ist so furchtbar.« Hilde drückte sie fest an sich.

Reserviert erwiderte Anna die Umarmung. Früher einmal waren Berta, Hilde und sie unzertrennlich gewesen, doch dann hatte jede nach und nach ihr eigenes Leben gelebt. Und heute war sie es allein gewesen, die für Rita eingetreten war.

»Wie geht es der Kleinen?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Den Umständen entsprechend. Es ist nicht einfach für sie.«

»Nein, das ist es nicht.« Hilde nickte betrübt. »Und ich fürchte, das war erst der Anfang.«

»Das habe ich auch schon gesagt.« Wilhelm reichte ihr eine Tasse Tee, die sie dankbar annahm.

»Wir werden gehen«, sagte Hilde plötzlich leise.

»Gehen? Wohin?« Überrascht sah Anna ihre Freundin an.

»Samuels Bruder hat einen kleinen Hof in Armawir, da ist es noch vergleichsweise ruhig. Es ist schon seit Wochen alles besprochen, nur ich habe immer wieder gezögert. Ich wollte einfach nicht all das verlassen, was wir uns hier aufgebaut haben. Doch jetzt bleibt uns wohl kaum noch eine Wahl.« Tränen traten ihr in die Augen und sie blinzelte sie entschieden fort.

Anna nickte. Hildes Mann, Samuel, war der Lehrer im Dorf. Seine Position konnte der Familie jederzeit zum Verhängnis werden. Kein Besitz war es wert, sein Leben dafür zu lassen.

»Wann …« Anna räusperte sich. »Wann wollt ihr los?«

»Morgen Nacht. Ich bin gekommen, um mich zu verabschieden.« Hildes Stimme brach und sie sah ihre Freundin beschwörend an. »Und ihr solltet auch gehen.«

»Wohin denn?« Eine Spur von Bitterkeit klang in Wilhelms Stimme und Anna konnte es ihm nicht verdenken. Seine älteren Brüder, seine ganze Familie war fort, ausgereist ins Ausland, als die Lage während der Oktoberrevolution zu kritisch wurde. Nur er, der jüngste, wurde zurückgelassen, um nach dem Rechten zu sehen und die Stellung zu halten, bis die Familie wieder zurückkehren konnte. Etwas, das offensichtlich niemals mehr geschehen würde. Und sie selbst war ein Einzelkind. Ihre Eltern waren schon vor Jahren gestorben und der große Hof, auf dem sie aufgewachsen war, war ihnen noch während des Krieges genommen worden. Sie hatte zwar eine Reihe Cousinen, aber keine stand ihnen so nah, dass sie ohne Weiteres zu ihr ziehen konnten. Wohin sie auch gingen, sie wären dort auf sich alleine gestellt.

»Und außerdem ist Rita noch da«, fügte sie schulterzuckend hinzu. »Wir müssen zumindest so lange hier bleiben, bis Agnes sie zu sich holen kann.«

Hilde sah sie traurig an. »Dann heißt es jetzt wohl Lebewohl.«

»Sieht so aus.« Anna bemühte sich um ein aufmunterndes Lächeln, obwohl ihr selbst die Tränen über die Wangen liefen. »Passt auf euch auf, ja?« Sie drückte ihre Freundin fest an sich.

»Machen wir. Und ihr auch. Und wenn das alles vorüber ist, sehen wir uns wieder.«

»Ja, bestimmt«, sagte Anna viel entschiedener, als sie sich fühlte.

Hilde nickte. Sie wussten beide, wie unwahrscheinlich das war.

 

 

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