Ein junger Magier, der ein dunkles Erbe in sich trägt.
Eine Frau ohne Vergangenheit, die sein Herz berührt.
Ein Feind, der nur ein Ziel kennt: die Vernichtung aller Magie.
Der Kampf um die Zukunft Edingaards hat begonnen!

Als Sohn einer mächtigen Magierin und eines legendären Kriegers ist es für Cassion nicht leicht, die Fußstapfen seiner Eltern auszufüllen. Zumal er eine dunkle Kraft in sich trägt, die er weder begreifen noch kontrollieren kann. Wenn er ihr freien Lauf lässt, kann sie alle vernichten, die ihm etwas bedeuten.
Aber was, wenn dies zugleich die einzige Waffe gegen einen Feind ist, der die ganze magische Welt zu zerstören droht?

Leseprobe: Gebieter der Schatten

Aufgebrachte Stimmen rissen den Jungen aus seinem unruhigen Schlaf. Das Herz hämmerte ihm in den Ohren, im ersten Moment glaubte er, dass es ein Nachhall seiner Albträume war – wütend und laut. Dann wichen die schrecklichen Bilder zurück und er erkannte seinen Irrtum. Es lag kein Schmerz in diesen Stimmen, keine Angst. Sie waren real. Und sie stritten.

    Ängstlich lauschte Cassion in die Dunkelheit, während er Mut sammelte. Waren die Leute seinetwegen gekommen? Weil er böse war? Wussten sie, was er getan hatte?

Als der Junge die Anspannung nicht mehr aushielt, schlug er zitternd die warme Decke zurück. Seine nackten Füße tappten über den glatten Holzboden, während er zur Treppe schlich.

Die Essstube des Hauses war hell erleuchtet. Er erkannte seine Mutter und sein Herzschlag beruhigte sich ein wenig. Dann sah er den Ausdruck auf ihrem Gesicht und Angst griff erneut nach seiner Seele.

Sie stand aufrecht, die Hände nach unten ausgestreckt, die Finger gespreizt, zu allem bereit. Ein Feuer glomm in ihren Augen, das er nie zuvor gesehen hatte. Sie wirkte kalt und mächtig. Selbst ihr runder Bauch, an den er sich so gern schmiegte, um den Geräuschen seiner Schwester zu lauschen, änderte nichts daran, ließ sie nicht weicher, nicht freundlicher erscheinen.

Cassion schauderte und drückte sich an die Wand. Die Schatten um ihn herum verdichteten sich.

Er biss sich auf die Lippe, um die Tränen zurückzuhalten, presste die Fäuste so fest zusammen, dass es wehtat, und kniff die Augen zu.

Geht weg, flehte er stumm die Schatten an. Geht weg!

»Du weißt, was er ist.« Es war eine fremde Stimme, die da sprach.

Cassion riss die Augen auf. Er hatte die Frau noch gar nicht bemerkt, hatte nur auf seine Mutter geachtet.

Die Luft um sie herum knisterte. Vater stand direkt hinter ihr, die Hand drohend am Schwertknauf, in dem ein blauer Edelstein strahlend leuchtete.

Cassion hielt die Luft an. Er hatte seine Eltern niemals so furchteinflößend erlebt. Er schlang die Hände um seine Knie. Jetzt kümmerte es ihn nicht, dass die Schatten ihn fast vollständig verbargen, wünschte sich, er könnte gänzlich mit ihnen verschmelzen. Denn er war sicher, dass sich der Zorn der Eltern gegen ihn richten würde, sobald sie erfuhren, was er getan hatte. Vielleicht wussten sie es sogar bereits.

Die Fremde wich nicht zurück. Cassion hätte erwartet, dass sie sich vor Angst zu Boden warf, doch sie reckte bloß ihr Kinn. Sie war schön, ganz anders als Mama, aber schön. Langes schwarzes Haar fiel ihr in dicken Locken auf Schultern und Rücken. Sie trug ein edles, enges Kleid. Und das dunkle Feuer in ihren Augen loderte fast so hell wie in denen seiner Mutter.

»Ich weiß genau, wer er ist«, presste Mama überdeutlich hervor. »Er ist mein Sohn. Und du bist hier nicht länger willkommen!«

»Er kann uns alle in den Untergang reißen!« Die Stimme der Frau klang gehetzt, als wüsste sie, dass sie verloren hatte. Trotzdem trafen ihre Worte wie Pfeile in Cassions Brust. Sie wusste, wie böse er war. Sie war gekommen, um ihn zu holen. Und gleich würden seine Eltern es ebenfalls erfahren.

»Das kommt mir zu bekannt vor«, höhnte Mama. »Du solltest dir endlich etwas Neues einfallen lassen, Elaina.«

»Ich habe dich gewarnt.« Die Frau machte einen Schritt auf Mama zu. Mit einem Klirren sprang das Schwert in Vaters Hand. Die Frau achtete nicht auf ihn, ihre ganze Aufmerksamkeit war auf Cassions Mutter gerichtet. »Schon vor seiner Geburt«, fuhr sie grimmig fort. »Aber du wolltest nicht auf mich hören. Gib ihn mir jetzt, bevor es zu spät ist.«

»Verschwinde!« Alles um Mama herum begann zu zittern und zu klirren.

Cassion zog den Kopf ein, es wirkte, als würde das ganze Haus gleich in die Luft fliegen. Nie hatte er seine Mutter so wütend, so kampfbereit gesehen.

»Du machst einen Fehler!«, zischte die Frau. »Einen Fehler, für den wir alle bezahlen werden!«

»Er ist ein Kind!« Mamas Stimme klang heiser. Ihre Nasenflügel blähten sich. »Ein unschuldiges Kind!«

»Ein Kind mag er sein. Doch unschuldig ist er nicht.« Die Fremde wandte den Kopf und schaute Cassion, der in den Schatten auf der Treppe kauerte, direkt an, als hätte sie die ganze Zeit gewusst, dass er da war.

Ihr Blick bohrte sich tief in sein Herz und löschte den letzten Zweifel in ihm aus, dass sie es wusste, dass sie alles wusste, dass es keine Geheimnisse vor ihr gab.

»Cassion?« Mama schaute erschrocken zu ihm. In ihrer Stimme lagen so viel Liebe und Sorge, dass die Schatten um ihn wie von selbst verschwanden. »Was machst du denn hier?«

Er öffnete den Mund auf der Suche nach Worten.

»Zurück ins Bett mit dir.« Vater steckte das Schwert ein und war mit wenigen Schritten bei ihm. »Komm.« Er nahm ihn hoch und Cassion presste sich dankbar an ihn, ließ sich von seiner Stärke, seiner Zuversicht umhüllen.

»Es tut mir leid, wir wollten dich nicht aufwecken.« Die Stimme des Vaters vibrierte in Cassions Brust, so fest drückte er ihn an sich.

»Wer war die Frau?«, fragte Cassion zitternd, während er sein Gesicht in der väterlichen Halsbeuge vergrub.

»Sie ist … niemand. Niemand, um den du dir Gedanken machen musst.«

Er wird uns alle in den Untergang reißen …

Die Stimme hallte in Cassions Gedanken wider, selbst als sein Vater längst gegangen war, und die Finsternis in ihm stimmte ihr freudig zu.

Du bist böse, böse, böse …

 

****

14 Jahre später

 

Cassion fand seine Schwester Gwynna im Rosengarten, wo sie am Rand eines Springbrunnens saß und scheinbar fasziniert die Wassertropfen betrachtete, die von der Oberfläche abprallten. Er war sich sicher, dass sie nichts davon sah. Es war ihr Geburtstag und ihre Eltern waren nicht erschienen.

Gewaltsam drängte er den Zorn, die Enttäuschung zurück, die ihn zu überwältigen drohten. Damit, dass sie seinen Geburtstag schon zweimal verpasst hatten, konnte er leben. Doch hier ging es um Gwynna. Wie konnte etwas wichtiger sein als sie?

Etwas zischte leise und als Cassion an sich hinabsah, sah er dunkle Schwaden, die sich um seine Beine kringelten, sah das Gras, das bei ihrer Berührung verdorrte. Krampfhaft holte er Luft und tastete besorgt nach seiner Tasche, in der Gwynnas Geschenk erschrocken zitterte, als könnte es die tödliche Gefahr fühlen, die nur wenige Zentimeter von ihm entfernt lauerte.

Das brach den Bann. Cassions Wut verpuffte. Gwynna fuhr zu ihm herum und hastig schaute er erneut an sich hinab, um sich zu vergewissern, dass die Schatten nicht mehr zu sehen waren.

Seine Schwester lächelte ihn an. Ihr Blick wanderte zu Boden und sie verzog das Gesicht. »Was ist denn hier passiert?« Sie deutete auf das verdorrte Gras.

Hastig machte Cassion einen Schritt zur Seite, in der Hoffnung, dass ihre Augen ihm folgen würden, fort von dem toten Fleck. »Vermutlich ein Schädling«, meinte er so unbekümmert wie möglich. »Mach deine Augen zu«, fuhr er fort, bevor sie ihm widersprechen, ihn darauf hinweisen konnte, dass die Pflanzen nur wenige Minuten zuvor völlig unversehrt gewesen waren.

»Wieso?« Der Ausdruck freudiger Erwartung schlich sich auf ihr Gesicht.

»Ich weiß nicht.« Er trat grinsend näher. »Vielleicht habe ich ja ein Geschenk für dich. Irgendwo.« Er tastete seine Robe ab, obwohl die Ausbuchtung unter seiner Kleidung deutlich zu sehen war.

Gwynna kicherte. »Es könnte in deiner Tasche sein.«

»Stimmt, da war etwas.« Er strahlte sie liebevoll an. »Also, Augen zu.«

Gehorsam schloss sie ihre Lider.

Behutsam holte Cassion das kleine Tierchen hervor, das sich bei seiner Berührung unverzüglich entspannte und ein leises, melodisches Geräusch von sich gab – irgendwo zwischen Summen und Schnurren. Die Finsternis in Cassion zog sich bei dem wohligen Laut weiter zurück. Vielleicht sollte er sich ebenfalls so ein Haustier besorgen.

Gwynna riss die Augen auf, bevor er sie dazu aufforderte. Ihr Mund klappte auf. »Ist das … Ist das ein Puffelmot?«, raunte sie verzückt und streckte ihre Hand zögernd nach dem kleinen Pelzknäuel aus.

»Ja.« Lächelnd strich Cassion ein letztes Mal über das seidig weiche Fell und reichte das Wesen an seine Schwester weiter. »Im Wald hat sich vor einiger Zeit eine Kolonie niedergelassen. Sie sind sehr scheu, ich habe sie kaum zu Gesicht bekommen, habe nur die leeren Nester gesehen. Dieses hier hat sich bei dem heftigen Sturm vor ein paar Wochen verletzt, deshalb konnte es nicht fliehen. Ich habe es gesund gepflegt und jetzt ist es zahm.«

Ehrfürchtig nahm Gwynna das kleine Tier in ihre Hände und hob es ganz nah an ihr Gesicht heran. Das Summen wurde lauter. Cassion spürte, wie es in seinem Herzen widerhallte. Das war eine der Gaben der Puffelmots – sie schenkten Frieden und Harmonie.

»Er ist so süß.« Gwynna biss sich überwältigt auf die Lippe. »So hübsch.« Sie schaute hoch. »Ich kenne niemanden, der einen hat.«

Cassion genoss ihre unverstellte Freude, genauso hatte er es sich ausgemalt.

»Du bist so süüß«, wiederholte sie und rieb ihre Nase an dem weichen Pelz.

Ein glänzender Funke sprang in die Luft und Gwynna zuckte überrascht zurück. Weitere Funken lösten sich aus dem glänzenden Fell, hüllten das Wesen ein wie ein Schwarm bunter Glühwürmchen.

»Was ist das?«, fragte Gwynna fasziniert und nervös zugleich.

»Das machen sie, wenn sie glücklich sind«, erklärte Cassion sanft.

Zärtlich streichelte Gwynna ihren Puffelmot. »Das bedeutet wohl, dass du mich ebenfalls magst.«

»Du solltest ihn ein paar Tage so nah wie möglich bei dir tragen, damit er sich an dich gewöhnt. Nachher gebe ich dir das Nest, das ich für ihn gebaut habe. Sie mögen keine Käfige.«

Gwynnas Augen blitzten. »Als ob ich ihn jemals einsperren würde.«

»Das ist tatsächlich nicht nötig. Sie sind sehr reinlich und außergewöhnlich treu. Er wird nicht weglaufen.«

»Wie heißt er denn?« Sie hauchte einen Kuss auf die im Fell kaum wahrnehmbare Nase.

»Ich habe ihm keinen Namen gegeben. Du hast also freie Auswahl. Allerdings nicht jetzt«, fügte Cassion mit einem Blick auf die Sonne hinzu, die sich dem Horizont zuneigte. »Jetzt gehen wir feiern.«

Gwynnas Gestalt fiel ein klein wenig in sich zusammen.

»Ich habe Ibertus schon mitgeteilt, dass wir nicht kommen. Ohne Mama und Papa ist es irgendwie nicht dasselbe. Ich würde mich komisch in dem großen Haus fühlen.«

Obwohl sie wie alle Schüler in der Magischen Akademie lebten, gehörten Gwynna und er zu den wenigen, die regelmäßig nach Hause gehen konnten, weil sich der Sitz des Rates und somit das Haus ihrer Eltern ebenfalls in Uyendil befanden. Früher hatte Gwynna jedes Wochenende zu Hause verbracht, doch in letzter Zeit waren ihre Eltern so oft unterwegs, dass sich das Heimkommen nicht lohnte.

»Deswegen gehen wir aus. Ich habe einen Tisch im Schwanenhof reserviert«, verkündete Cassion so fröhlich wie möglich. »Ich habe Ibertus gefragt, ob er mitkommen mag, aber er hat etwas von Hausverbot genuschelt.«

Gwynna schaute ihren Bruder entgeistert an. »Wieso denn das?«

»Ich glaube, er hat versucht, dem Küchenchef zu erklären, wie ein richtiges Honig-Soufflé aussieht.«

»Oh nein!« Gwynna schlug sich kichernd die Hand vor den Mund.

Cassion zwinkerte. »Tja, bei Honig hört für Ibertus der Spaß auf.«

»Wie hat er es aufgenommen … Dass wir nicht kommen, meine ich?«, fragte Gwynna, plötzlich wieder ernst.

»Ich habe ihm versprochen, dass er nach meiner Rückkehr ein riesiges Fest für uns beide ausrichten darf. Das hat ihn besänftigt.«

»Oh!« Gwynna flog Cassion um den Hals. »Das wird so toll! Du bist der beste große Bruder, den man sich wünschen kann.«

Er drückte sie fest an sich. »Ich gebe mir zumindest Mühe, Kleines.«

»Hey.« Sie boxte ihn in die Seite. »Ich bin schon vierzehn, vergiss das nicht.«

»Wie könnte ich.« Cassion lachte und nahm ihren Arm. »Jetzt sollten wir wirklich los, immerhin müssen wir bei Einbruch der Dunkelheit zurück sein.«

Gwynna ließ den Puffelmot behutsam in die Tasche ihrer dunkelblauen Robe gleiten und nahm das Buch, das neben ihr auf dem Rand des Springbrunnens gelegen hatte.

»Willst du das wirklich mitschleppen?«, erkundigte Cassion sich skeptisch.

»Ja. Elodie hat es mir heute geschenkt, es ist gerade erst erschienen. Und ich möchte dir ein paar Stellen darin zeigen.«

Neugierig beäugte Cassion den Einband. Die Geschichte der Priesterinnen. Er verdrehte die Augen.

»Es ist wirklich sehr informativ, ich habe schon ein bisschen reingelesen«, berichtete Gwynna eifrig, als sie losgingen. »Elodie meint, es könnte dich ebenfalls interessieren. Wenn du willst, kannst du ein eigenes Exemplar bekommen.«

Cassion lachte auf. »Glaubt sie, dass ich dadurch meine weibliche Seite entdecke?«

Obwohl er mit dem Glauben an die Göttin aufgewachsen war, hatte Cassion kaum Bezug zu dieser Religion. Egal, wie oft er zu Liskaju gebetet, wie oft er darum gefleht hatte, ihn von der Dunkelheit zu erlösen, die Göttin des Lichts hatte ihn nie erhört. Wieso sollte er sich also um sie kümmern?

Gwynna sah das anders. Sie dachte ernsthaft darüber nach, sich zur Priesterin weihen zu lassen, sobald sie erwachsen war. Das passte zu ihr. Niemand verkörperte das Licht besser als sie.

»Natürlich nicht!« Gwynna schüttelte amüsiert den Kopf. »Hier stehen wirklich spannende Dinge drin. Hast du gewusst, dass Liskaju einst auf der Erde gewandelt ist? Dass sie ein menschliches Leben geteilt hat? Damals im Dunklen Zeitalter?«

»Nein.« Das hatte er nicht gewusst. »Und?« Er sah seine Schwester fragend an. Welche Bedeutung sollte es heute haben, was vor Tausenden von Jahren geschehen war?

»Hier steht außerdem, dass Cassia in direkter Linie von Liskaju abstammte.« Gwynna hörte sich regelrecht ehrfürchtig an. »Ist dir bewusst, was das heißt?«

»Gar nichts.« Cassion zuckte mit den Schultern. »Das hat nicht das Geringste mit uns zu tun.«

»Aber Mama …«

»… stammt nicht von Cassia ab.« Seine Mutter kam nicht einmal aus dieser Welt. »Sie ist mit niemandem in Edingaard verwandt.«

»Trotzdem trägt sie Cassias Seele.« Gwynna schaute Cassion so hoffnungsvoll an, als müsste er ihre Aufregung teilen. »Ist das nicht faszinierend?«

Er nickte widerstrebend, mehr, um seiner Schwester den Gefallen zu tun, denn aus wirklicher Überzeugung. Sie brauchten nichts, was ihrer Mutter weitere Bedeutung verlieh, sie war gefühlt ohnehin bereits für die gesamte Welt zuständig.

 

Nachdem er Gwynna am Abend in den Mädchentrakt begleitet hatte, legte Cassion sich auf sein eigenes Bett und starrte zur Zimmerdecke empor. Seine Schwester war bei jedem Öffnen der Tür, bei jeder Gestalt, die sich ihnen genähert hatte, erwartungsvoll zusammengezuckt. Obwohl sie sich bemüht hatte, ihre Enttäuschung zu verbergen, hatte er gesehen, wie ihre Schultern immer tiefer sanken und das Leuchten aus ihren Augen verschwand. Selbst der Puffelmot hatte sich irgendwann in ihre Robe verkrochen, hatte sich zusammengekuschelt und war verstummt. Diese Wesen hatten sehr feine Antennen für menschliche Stimmungen, was man von seinen Eltern leider nicht behaupten konnte.

Wie hatten sie nur einen Moment annehmen können, es wäre in Ordnung, ihre Kinder im Stich zu lassen?

Wie hatten sie das Gwynna bloß antun können? Oder ihm.

Es war ja nicht so, als stünden ihnen keine Möglichkeiten zur Verfügung. Seine Mutter war derzeit die vermutlich einzige Person in ganz Edingaard, die ein Portal zu öffnen vermochte. Sie hätten innerhalb weniger Minuten in Uyendil sein können. Sie konnten sich die ganzen Wege sparen.

Aber nein. Es ging darum, Präsenz zu zeigen, ansprechbar für die Menschen zu sein. Daher zogen sie tage-, wenn nicht wochenlang auf ihren Pferden durchs Land. Und natürlich fand sich unterwegs immer jemand, der ein Anliegen hatte, der Hilfe benötigte oder Schutz.

Cassion ballte die Hände zu Fäusten, spürte, wie die Wut in ihm aufstieg, sich mit der wirbelnden Dunkelheit in seinem Inneren vermischte. Rot-schwarze Schwaden erfüllten ihn, drängten hinaus, drohten ihn zu ersticken. Er keuchte und kämpfte um die Kontrolle. Er musste seiner Wut irgendwie Ausdruck verleihen, ihr ein Ventil geben, bevor sie ihn überwältigte.

Bevor er wusste, was er tat, stieß Cassion seinen Geist in den Äther. Es benötigte nur die Dauer eines Wimpernschlags, um das Licht seiner Mutter zu finden, das so hell wie ein Stern erstrahlte.

Einen Gedanken später hatte er es erreicht und stieß gegen die Barriere, die ihren Geist umgab.

Erschüttert hielt Cassion inne. Nie zuvor war diese Tür für ihn verschlossen gewesen.

»Mutter!« Er zupfte an dem Band, das sie selbst geknüpft hatte, das alle Mitglieder ihrer Familie miteinander verband.

»Cassion?« Sie klang abgehackt, widerwillig und besorgt. »Was ist los?«

»Ich … Ich muss mit dir reden.«

»Geht es euch gut?«

Nein, wäre die ehrliche Antwort gewesen. Es ging ihm nicht gut. Und Gwynna ebenfalls nicht. »Wir sind unversehrt«, presste er mühsam hervor, beantwortete den leichteren Teil ihrer Frage.

»Gut.« Sie klang erleichtert und abgelenkt. »Es tut mir so leid wegen heute. Ich kann hier nicht weg.« Ihre Stimme brach ab, als würde etwas anderes ihre ganze Aufmerksamkeit erfordern. »Viel Glück für morgen, unsere Liebe wird dich auf jedem Schritt begleiten.« Die Verbindung brach ab, die Tür in ihrem Geist schlug zu, sperrte ihn so gründlich aus wie eine undurchdringliche Mauer und ließ ihn allein in der Leere des Äthers zurück.

Cassion stockte, betrachtete das helle Licht vor sich, das auf einmal so kalt und abweisend wirkte.

Sie hatte nicht einmal gefragt, was er gewollt hatte. Nicht einmal wenige Minuten hatte sie für ihren Sohn erübrigen können. Weil etwas anderes so viel wichtiger war als er. Die Enttäuschung, der Zorn schnürten Cassion die Kehle zu. Ohne einen weiteren Gedanken an seine Mutter zu verschwenden, drehte er sich um und raste in seinen Körper zurück.

Keuchend setzte er sich auf, sah die Rauchschwaden, die sich um ihn schlängelten, und war – wie so oft in letzter Zeit – überaus dankbar für das Privileg eines Einzelzimmers, das ihm seit ungefähr einem Jahr zustand.

Mit fließenden Bewegungen erhob er sich vom Bett. Er musste hier raus, musste sich abreagieren, die Macht irgendwie ableiten, die ihn entweder zu zerreißen oder zu verschlingen drohte …

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