Eowyn: Geboren aus Nebel und Stahl

Sie ist jung. Sie ist stark. Sie ist eine Kämpferin.


Trotzdem wird Eowyn von ihrem Vater zur Flucht gezwungen, als unheimliche Krieger ihre Siedlung überfallen.
Gestrandet in der Fremde, von ihrer Heimat durch einen undurchdringlichen Nebelwall getrennt, sucht Eowyn verzweifelt nach Hilfe. Dabei wird sie vor eine grausame Entscheidung gestellt: zu töten oder selbst zu sterben.
Doch Eowyn ist fest entschlossen, sich niemals brechen zu lassen …

Diese unabhängig lesbare Fantasy-Novelle (ca. 190 Seiten) gibt einen Vorgeschmack auf meine neuste Fantasy-Welt.

 

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Leseprobe

Ein Flüstern im Wind ließ Eowyn aufhorchen. Sie richtete sich auf, aufmerksam, still. Ihr Vater senkte behutsam das Messer, mit dem er einen neuen Schaft für die Harpune schnitzte, und griff nach seiner Axt, die Augen fragend auf Eowyn gerichtet.

Eine Spur von Rauch streifte Eowyns Nase, ihr Blick zuckte zur Hügelkuppe und ein Schauer rieselte an ihrem Rückgrat herab. Es war nicht der heimelige Duft eines Kamins. Etwas viel Schwereres, Unheilverkündendes lag in dem Geruch, der sie erreichte.

»Snorriks Hof!«, erkannte das Mädchen alarmiert und deutete auf die Rauchfahne, die sich nun über dem Hügel kräuselte.

Wulfric sprang auf. »Hol Hilfe!«, rief er seiner Tochter zu, selbst bereits auf dem Weg zu den Hügeln.

Gehorsam lief Eowyn los. Die fast drei Mannlängen hohe Mauer der Siedlung ragte etwa vierhundert Meter von ihr entfernt empor.

Sie hörte Wulfrics eilige Schritte, die sich immer weiter entfernten, vernahm das ferne Knistern des Feuers im Hintergrund.

Ihr Nacken prickelte. Etwas stimmte nicht. Eowyn hielt abrupt inne und fuhr herum.

Die Sturmglocke auf der Wehrmauer begann zu läuten. Jemand hatte das Feuer entdeckt.

Eowyn biss die Zähne zusammen, versuchte, den dröhnenden Klang auszublenden und zu erkennen, was sie zögern ließ. Was war es, das sie über das Rauschen ihres eigenen Blutes hinweg gespürt hatte?

Es waren fremde Schritte.

Die Erkenntnis durchfuhr das Mädchen eiskalt im selben Moment, als gut drei Dutzend Gestalten hinter der Hügelkuppe auftauchten. Selbst für Eowyns Augen waren sie zu weit entfernt, um ihre Gesichter erkennen zu können. Doch die beherrschte Kraft ihrer geschmeidigen, raubtierhaften Bewegungen war nicht zu übersehen. Genauso wenig wie die Bestien, die sie begleiteten. Katzenähnlich und so groß wie Stiere.

»Vater!«, rief Eowyn warnend und rannte zu ihm zurück.

Wulfric war beim Anblick der Fremden stehen geblieben, die doppelschneidige Axt kampfbereit in den Händen erhoben.

»Vater!«, schrie Eowyn erneut. Er musste wissen, dass selbst Wulfric Wyrvtöter gegen diese Übermacht nicht bestehen konnte. Wieso zögerte er?

Endlich vernahm er ihren Ruf. Er drehte sich zu ihr herum, sein Gesicht entgleiste, als er seine Tochter auf sich zu rennen sah.

»Lauf zurück!«, brüllte er und setzte sich ebenfalls in Bewegung. Wenn auch nur, um Eowyn zur Umkehr zu bringen.

»Nur, wenn du mit mir kommst!« Sie packte seine Hand und zerrte ihn mit sich. Genauso gut hätte sie einen Felsblock bewegen wollen.

»Lauf!«, bellte ihr Vater. »Ich werde Snorrik nicht im Stich lassen!«

Eowyn presste die Lippen zusammen und schüttelte wild den Kopf. Der alte Mann konnte den Angriff unmöglich überlebt haben. Der Rauchsäule nach zu urteilen, stand sein Haus lichterloh in Flammen. Sie konnten nichts für ihn tun.

Schmerz und Bedauern umwölkten die Augen ihres Vaters, verwandelten ihr strahlendes Blau in die Farbe sturmumtoster See.

Die Fremden näherten sich im leichten Trab. Sie schienen sich sehr sicher zu sein, dass die Beute ihnen nicht entkommen würde. Ihre Lässigkeit machte Eowyn mehr Angst, als das wildeste Kampfgebrüll es vermocht hätte.

Wulfric musste die Aussichtslosigkeit seines Vorhabens erkannt haben. »Los!« Er umklammerte Eowyns Hand und stürmte mit seiner Tochter im Schlepptau auf die schützende Mauer zu.

»Was sind das für Leute?«, keuchte Eowyn und hasste, wie zittrig ihre Stimme klang.

»Ich weiß es nicht!« Der Atem ihres Vaters ging schwer, während sie um ihr Leben rannten.

Rund dreißig bewaffnete Männer erschienen auf der steinernen Wehrmauer vor ihnen. Eowyn wusste, dass weitere bereitstanden, um das Tor zu schließen, sobald sie die Siedlung erreichten.

Eowyn hatte Helmsvir immer für eine Festung gehalten, unüberwindbar und stark. Heimat der unerschrockenen Mannschaft der Wyrvzahn, die die gefürchteten, riesigen Seeschlangen der nördlichen See jagte. Seit Wulfric sich vor zwanzig Jahren zum Anführer der kleinen Gemeinschaft aufgeschwungen hatte, hatte es niemand gewagt, sie anzugreifen. Weder Piraten noch rivalisierende Clans.

Diese Fremden jedoch schienen keine Bedenken zu haben.

Eowyns Beinmuskeln brannten vor Anstrengung. Pfeilschnell schossen sie über die Grasebene hin. Trotzdem spürte sie, dass die Krieger zu ihnen aufschlossen, vernahm die federnden Schritte der großen Raubkatzen.

Lediglich hundert Meter trennten sie von der Mauer.

Eowyn meinte, den Atem der Bestien in ihrem Nacken zu spüren, doch sie sah sich nicht um, aus Angst, das Gleichgewicht zu verlieren.

Noch fünfzig Meter.

»Schneller!«, befahl Wulfric knapp. Seine Hand landete auf Eowyns unterem Rücken. »Los!« Er schob seine Tochter kraftvoll nach vorn, auf das Tor zu, in dem sich Männer mit schreckgeweiteten Augen drängten.

»Nein!«, brüllte Eowyn, als sie erkannte, was er vorhatte. Sie wirbelte herum und zerrte erneut an seinem Arm. Sie würde nicht zulassen, dass er sich opferte, um ihr Zeit zu erkaufen. Er war alles, was sie hatte.

»Geh!«, befahl er beinahe wütend.

»Nein!«, fauchte sie.

Ein Pfeilhagel ging auf die Fremden herab. Sie waren in Reichweite der Bogenschützen gekommen. Leider fand kein einziger sein Ziel. Mit erschreckender Leichtigkeit wischte einer der vorderen Krieger einen Pfeil, der ihm zu nahe gekommen war, einfach beiseite.

Trotzdem verlangsamten sie ihren Lauf und verschafften Eowyn und Wulfric kostbare Zeit.

»Komm!« Ihr Vater wartete das Ergebnis des nächsten Angriffs nicht ab, keuchend scheuchte er Eowyn in Richtung Tor.

Arme streckten sich ihnen entgegen, zogen sie ins Innere und schlugen die schweren Torflügel zu. Der Laut hallte beruhigend in der angespannten Stille wider.

Vor Erleichterung hätte Eowyn beinahe geschluchzt. Ihr Körper zitterte und sie hatte Mühe, Luft zu holen. Aber es war noch lange nicht vorüber. Ihr Vater drängte sich an ihr vorbei und lief die steinernen Stufen hinauf, die auf die Wehrmauer führten. »Verrammelt das Tor!«, befahl er über seine Schulter.

Eowyn atmete krampfhaft durch und hastete hinter ihm her.

Wulfric maß sie mit einem besorgten Blick und halb rechnete sie damit, dass er sie wieder nach unten schicken würde, doch er seufzte bloß. Er musste erkannt haben, dass sie nicht zurückstehen würde.

Sie war kein Kind mehr. Sie mochte erst vierzehn sein, aber es gab wenige Männer, die sie im Kampf überragten. Nicht umsonst erzählte ihr Vater, sie wäre unter dem Sternzeichen von Arias Bogen geboren, gesegnet von der Göttin der Kampfkunst selbst. Nicht umsonst trainierte Wulfric sie, seit sie alt genug war, um vernünftig zu gehen.

»Sie weichen zurück!«, verkündete Aldor, der Sohn des Maats und nur fünf Jahre älter als Eowyn selbst.

Tatsächlich hatten die Fremden etwas Abstand zwischen sich und die Pfeillinie gebracht. Im Gegensatz zu Aldor sah Eowyn darin keinen Grund für Jubel, diese Leute hatten keine Angst und sie waren weit davon entfernt, sie in Frieden zu lassen. Vielmehr studierten sie die Mauer und die Menschen darauf mit einer beunruhigenden Intensität, als versuchten sie, ihre Schwächen zu erkennen und ihre Reaktionen vorauszuahnen.

Eowyn kämpfte gegen die Panik, die sich in ihr ausbreitete. Ihr Blick heftete sich auf die Rauchsäule, die von Snorriks Hof aufstieg. Von ihrer erhöhten Position aus erkannte Eowyn das ganze Ausmaß der Zerstörung, nicht einmal die Schafe schienen am Leben geblieben zu sein.

Ihr Herz krampfte sich so schmerzhaft zusammen, dass ihr Tränen in die Augen stiegen. Snorrik war einer der wenigen gewesen, die ein freundliches Wort für sie übrig hatten. Für die eigenartige Tochter des Chiefs, deren Mutter nie jemand gesehen und deren Vater nie geheiratet hatte. Das hatte Eowyn mehr als einen scheelen Blick und den Unmut vieler Frauen eingebracht.

Snorrik hatte sich darum nicht gekümmert. Da er zu alt für die Wyrvjagd war, hatte er sich Eowyns angenommen, wann immer ihr Vater zur See fuhr. Eowyn wischte sich über die feuchte Wange. Snorrik mit seinem lächelnden Mund, in dem schon ein paar Zähne fehlten. Snorrik, dem die Siedlung zu überfüllt gewesen war, der nur mit Blick auf seine geliebte See hatte frei atmen können, der Eowyn so viel beigebracht hatte, war nun fort, dahingemetzelt ohne Vorwarnung, ohne jeden Grund.

Wut stieg in Eowyn auf, grenzenloser Zorn, der ihre Angst und ihre Trauer verdrängte. Sie riss Aldor den Bogen aus der Hand und legte einen Pfeil an. Für sie war das Ziel nicht zu weit, sie würde nicht danebenschießen.

»Halt.« Die Hand ihres Vaters legte sich mahnend auf ihren Arm.

Aufgebracht begegnete Eowyn seinem ernsten Blick. »Sie haben Snorrik getötet!«

»Und sie werden nicht zögern, das Gleiche mit uns allen zu tun.«

Eowyn schluckte. Glaubte er etwa, dass die Fremden die Siedlung in Frieden lassen würden, wenn sie sich ruhig verhielten?

»Schafft die Frauen und Kinder in Sicherheit«, befahl ihr Vater leise dem hinter ihm stehenden Mann. »Das gilt auch für dich«, fügte er im selben Atemzug an Eowyn gewandt hinzu.

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© 2016 Elvira Zeißler