BuchTraumKüsse - Verliebt in Silver Creek

Keine fünf Minuten später stand Annie vor der in einem warmen Braunton gestrichenen, hölzernen Fassade des Ladens, die von großen Schaufenstern durchbrochen wurde und gleichzeitig elegant und einladend wirkte. Die Schaufenster waren so gut wie undekoriert, doch die Auswahl der präsentierten Bücher zeugte von Vielfalt und gutem Geschmack. Der Name des Ladens stand in schlichten, goldenen Buchstaben über der Tür – Books'n'Dreams. Annies Herz schlug automatisch höher. Wenn das keine Fügung des Schicksals war … Bücher und Träume, konnte es einen passenderen Namen für einen Buchladen geben?

Direkt neben dem Geöffnet-Schild an der Tür hing das von Dorothy erwähnte Stellengesuch.

Neugierig trat Annie näher, um es besser lesen können. Allerdings enthielt das Blatt kaum zusätzliche Informationen. Da stand nur etwas von flexiblen Arbeitszeiten und aufrichtigem Interesse für Bücher. Nun, damit konnte sie auf jeden Fall dienen.

Annie öffnete die Tür und trat ein. Über ihr bimmelte leise ein Glöckchen. Und dann noch einmal, als die Tür wieder ins Schloss fiel. Sofort umhüllte sie der unnachahmliche Duft, den alle Buchläden gemein hatten – zumindest wenn sie nicht zu den vollklimatisierten Handelsketten gehörten. Hingerissen atmete Annie tief ein, bevor sie den Blick schweifen ließ.

In einem schmalen Regal, ganz am Anfang, waren die aktuellen Bestseller ausgestellt, doch der runde Tisch mit den bunten Kinderbüchern zog das Auge sofort weiter und den Besucher tiefer in den Laden hinein. Es wirkte fast, als wäre das Regal mit den Bestsellern nur der Pflicht – oder dem Kundenverlangen – geschuldet, während der Besitzer etwas ganz anderes für viel wichtiger hielt.

Begeistert betrachtete Annie die sorgfältig zusammengestellte Kinderbuchauswahl, während sie um den Tisch herumging. Von den leuchtend bunten Titeln für die ganz Kleinen ging es weiter zu Vor- und Erstlesebüchern, gleich dahinter stand der nächste Tisch mit Jugendliteratur.

Während sie durch den Laden schlenderte, kam Annie nicht umhin, seine intuitive Struktur zu bewundern. Es war, als würde der Laden einen auf dem gesamten Lebensweg begleiten. Je tiefer man ins Innere Vordrang, desto mehr Geheimnisse offenbarte er, desto vielfältiger und komplexer wurde das Angebot.

Zärtlich strichen Annies Fingerkuppen über eine Schmuckausgabe von Stolz und Vorurteil, die direkt neben einem modernen Liebesroman lag. Es wirkte, als bemühte sich Mr. Ward, den Horizont seiner Kunden zu erweitern.

»Kann ich Ihnen helfen?«

Annie war so in die Betrachtung der Bücher versunken, dass sie beim Klang der angenehmen, männlichen Stimme mit einem leichten britischen Akzent erschrocken zusammenzuckte.

»Ja …« Sie fuhr herum und erstarrte.

Es war kein Herr Koreander, sondern der attraktivste Mann, den sie jemals jenseits des Fernsehbildschirms gesehen hatte. Er hatte dunkelbraune, dichte Haare, eine gerade Nase und ein etwas eckiges Kinn mit einem kleinen Grübchen darauf. Der Bartschatten, der seine Kinnlinie und die untere Hälfte seiner Wangen zierte, wirkte gepflegt und genauso gewollt.

Annies Kopf war schlagartig wie leergefegt, während seine blaugrünen Augen sie höflich und zurückhaltend musterten.

Wenn Richard ein Mr. Rochester war, dann war das hier Mr. Darcy.

»Interessieren Sie sich für ein Buch?«, setzte er nach, als von ihr keine Antwort kam. Sein Blick fiel auf das Cover, auf dem noch immer ihre Hand lag. »Jane Eyre kann ich Ihnen uneingeschränkt empfehlen, es ist einer der großen Klassiker der romantischen Literatur.«

»Ich weiß«, krächzte Annie und riss sich endlich zusammen. Hatte Dorothy sie nicht vorwarnen können? »Ich habe das Buch schon mehrmals gelesen.«

»Tatsächlich?« Seine Stimme klang unverändert höflich, doch er wirkte nicht, als würde er ihr das glauben.

»Ja. Es war lange Zeit mein absolutes Lieblingsbuch. Janes Integrität und Moral haben mich nachhaltig beeindruckt.«

Seine Miene wurde eine Spur weicher, interessiert glitt sein Blick über Annies Gesicht. Dann räusperte er sich. »Kann ich Ihnen in diesem Fall vielleicht etwas anderes empfehlen?«

»Das ist nicht nötig, danke.« Annie lächelte nervös. »Ich bin wegen der Aushilfsstelle hier.«

»Sie wohnen in Silver Creek?«, fragte er verwundert. »Ich habe Sie noch nie gesehen.«

Annie stutzte. War die Stadt wirklich so klein, dass jeder jeden kennen musste? »Ich bin erst gestern angekommen. Ich besuche meine Schwester für einige Zeit.«

»Und da suchen Sie sich als erstes einen Job?«

Annie atmete tief durch. Wieso musste jeder darauf herumreiten? »Vielleicht bleibe ich auch länger«, erwiderte sie lapidar, um sich nicht auf weitere Erklärungen einlassen zu müssen.

Er schien darüber nachzudenken, dann schüttelte er bedauernd den Kopf. »Es tut mir leid, das reicht mir nicht.«

Enttäuscht schaute Annie ihn an. Das eben war das kürzeste Bewerbungsgespräch, das sie je geführt hatte. Es endete, bevor es überhaupt angefangen hat.

»Und wieso nicht?«, fragte sie herausfordernd.

»Allein die Einarbeitung dauert mindestens zwei Wochen.«

»Ich bin sicher, ich schaffe das auch schneller.« So leicht ließ sie sich nicht abwimmeln, immerhin handelte es sich hier um Bücher, also quasi um ihr Lebenselixir. Außerdem war dieser Laden absolut traumhaft.

Der Mundwinkel des Mannes zuckte, während er abwartend die Arme verschränkte. »Und was veranlasst Sie zu dieser Annahme?«

»Mein Master in englischer Literatur«, erwiderte sie, ohne mit der Wimper zu zucken.

Seine Augenbrauen fuhren anerkennend nach oben, dann presste er die vollen Lippen zusammen und schien mit sich selbst zu ringen. »Und da möchten Sie ausgerechnet in meinem Laden arbeiten?«, fragte er und klang, als suchte er mit aller Macht nach einem Haken. Nun konnte Annie Dorothys Einschätzung durchaus nachvollziehen. Dieser Mann wirkte wirklich nicht so, als wollte er die Stelle unbedingt besetzen.

Möglichst lässig zuckte sie mit den Schultern. »Es ist die derzeit interessanteste Alternative. Und es ist ja nicht für immer.«

Er zögerte noch immer.

»Was haben Sie denn zu verlieren?«, fragte Annie mutig. »Wir können es einfach versuchen. Und wenn wir nach einigen Tagen merken, dass es nicht klappt, höre ich einfach auf.«

»Haben Sie denn Erfahrung im Buchhandel?«

»Nein. Aber ich habe einige Jahre in einer Versicherungsagentur gearbeitet. Daher kenne ich mich mit Buchhaltung und administrativen Aufgaben ein wenig auf.«

»Eine Versicherungsagentur?« Er verengte die Augen und schaute Annie abschätzend an.

»Ja.« Sie erwiderte offen seinen Blick. »Mit meinem Abschluss standen mir nicht gerade viele Türen offen. Und ein … Bekannter bot mir direkt nach dem Studium diesen Job an, zumindest übergangsweise. Also griff ich zu und bin irgendwie dabei geblieben.«

Er nickte verständnisvoll und Annie fragte sich, wieso sie ihm all das erzählte. Und wieso sie das Gefühl bekam, sich bei ihm für ihre Arbeit rechtfertigen zu müssen. Die meisten Menschen würden eher mit Unverständnis reagieren, wenn sie hörten, dass sie diesen sicheren Job aufgegeben hatte.

Sein nächster Satz bestätigte den Eindruck, dass er das anders sah. »Sie hätten es doch auch bei Bibliotheken, Verlagen oder Buchhandlungen versuchen können.«

Der leichte Tadel in seiner Stimme versetzte Annie einen Stich. Dann straffte sie ihre Schultern. Ihr Lebenslauf ging ihn nicht das Geringste an, nichts gab ihm das Recht, darüber zu urteilen wieso sie etwas getan oder nicht getan hatte. Sie reckte das Kinn und schaute ihm fest in die Augen. »Jetzt gerade versuche ich es in einem Buchladen.«

Ein leichtes Lächeln schlich sich auf seine Lippen. »Touché.« Dann wurde er wieder ernst. »Ich kann Ihnen natürlich nicht zu viel versprechen, es ist schließlich nur eine Aushilfsstelle. Und auch die Bezahlung ist entsprechend.«

»Das ist mir bewusst«, erklärte Annie. Schließlich machte sie das hier nicht wegen des Geldes, nicht ausschließlich zumindest, sondern um auf andere Gedanken zu kommen. Und sie konnte sich nichts vorstellen, das besser dazu geeignet wäre als dieser Laden – und sein außergewöhnlicher Besitzer.

»Gut.« Er holte tief Luft. »Dann habe ich nur noch eine Frage.«

Erleichtert schaute Annie ihn an. Die größte Hürde schien genommen zu sein.

»Es mag Ihnen vielleicht zu persönlich erscheinen«, fuhr er verlegen fort. »Und es tut mir leid, sie Ihnen so direkt zu stellen, doch ich finde einfach keine anderen Worte dafür.«

»O-kay«, erwiderte Annie nervös.

»Also gut.« Er atmete durch. »Sind Sie in einer festen Beziehung?«

»Was?«, entfuhr es ihr verdattert. Ein flaues Gefühl breitete sich in ihrem Bauch aus. Wollte er wissen, ob sie noch zu haben war? Versuchte er, sie anzumachen, obwohl sie sich erst zehn Minuten kannten? Waren an diese Aushilfsstelle bestimmte Bedingungen geknüpft und war sie deshalb noch immer nicht besetzt?

Der Mann räusperte sich. »Ich fürchte, das kam ein wenig falsch rüber.«

 

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