Leseprobe

»Frau Konrads?«, wurde sie von der Frau im Vorzimmer begrüßt. »Sie können gerne schon durchgehen. Herr Bricken wartet bereits auf Sie.«

»Danke.« Hannah lächelte unsicher und trat durch die holzvertäfelte Tür.

Ein Mann um die fünfzig in einem dunklen Nadelstreifenanzug schaute von den Unterlagen auf, die auf seinem Schreibtisch lagen.

»Frau Konrads, schön, dass Sie es einrichten konnten.« Er stand auf und reichte ihr die Hand. »Bitte, setzen Sie sich. Wir fangen direkt an.«

Verwirrt schaute Hannah sich um. »Wollen Sie nicht noch auf die anderen warten?«

»Welche anderen?« Er sah sie über den Rand seiner Brille hinweg fragend an.

»Ähm.« Hannah kam sich plötzlich ziemlich dämlich vor. Sie kannte solche Termine nur aus dem Fernsehen, und da gab es meist mehrere Erben, die gierig auf die Hinterlassenschaft des Verstorbenen lauerten.

»Sie sind Frau Heppners nächste Angehörige und die einzige Erbin.«

»Oh.« Nun fühlte sie sich richtig miserabel. Ihre Tante hatte außer ihr niemanden gehabt? Und sie hatte sie im Stich gelassen. Hatte nur an ihren eigenen Kummer gedacht und keinen zweiten Gedanken daran verschwendet, wie es für Tante Marlies gewesen sein musste, ihre einzige Schwester zu verlieren.

»Bevor wir beginnen, können Sie sich bitte ausweisen?«

»Sicher.« Hannah kramte ihren Ausweis hervor und reichte ihn dem Notar.

Herr Bricken studierte ihn aufmerksam und machte einen Vermerk in seiner Akte, bevor er ihn an sie zurückreichte. Dann öffnete er einen versiegelten Umschlag.

»Sie können sich den genauen Wortlaut gerne später in Ruhe durchlesen. Im Wesentlichen geht es darum, dass Ihre Tante Ihnen ihren kompletten Besitz hinterlassen hat.«

Hannah konnte ihn nur wortlos anstarren.

»Die Vermögenswerte belaufen sich auf ein Sparbuch mit 5.321 Euro sowie das Gebäude mit dem Buchladen und der darüberliegenden Wohnung.«

»Das möchte ich nicht!«, sagte Hannah wie aus der Pistole geschossen. Das Geld konnte sie gut gebrauchen. Sie könnte sich davon ein kleines Auto leisten oder einen Urlaub. Aber mit dem Buchladen wollte sie nichts zu tun haben.

Dort hatte sie vom Tod ihrer Mutter erfahren. Dort hatte sie sich in den Tagen zuvor verkrochen, in Büchern vergraben, der harten Realität zu entfliehen versucht, anstatt am Bett ihrer Mutter zu sitzen. Tante Marlies hatte sie in diesem Verhalten bestärkt, hatte gemeint, dass es nicht gut für sie wäre, ihrer Mutter beim Sterben zuzusehen. Und dann war es zu spät gewesen. Mama war fort, und Hannah konnte nie wieder ihre Hand halten, nie wieder ihre Stimme hören. Sie hatte die letzten Stunden mit ihrer Mutter gegen Tinte und Papier eingetauscht, gegen flüchtige Geschichten, die im wirklichen Leben keinerlei Macht besaßen.

»Sie lehnen die Erbschaft also ab?« Der sachliche Ton des Notars brachte sie in die Gegenwart zurück.

»Nur den Buchladen, wenn das geht«, sagte sie zögernd.

Er schüttelte bedauernd den Kopf. »Sie können die Erbschaft nur ganz oder gar nicht annehmen.«

Hannah seufzte. Sie hätte nichts gegen ein kleines Finanzpolster einzuwenden gehabt. Aber so nötig hatte sie das auch wieder nicht.

»Dann eben gar nicht«, sagte sie leise. Ihr Leben spielte sich in Köln ab. Einen verstaubten Laden in Kempenich brauchte sie so dringend wie einen Klotz am Bein.

»Sind Sie ganz sicher?« Der Notar musterte sie forschend. »Immerhin hat das Gebäude einen gewissen Wert.«

»Wie meinen Sie das?«

Herr Bricken blätterte in seinen Unterlagen. »Da wäre zum einen das Grundstück, dann der Laden und der Buchbestand sowie die Wohnung im Obergeschoss. Einer groben Schätzung zufolge dürfte sich der aktuelle Marktwert auf rund 200.000 Euro belaufen.«

Hannah verschluckte sich und musste husten. »200.000 Euro?«, wiederholte sie krächzend. Noch nie hatte sie sich eine solche Summe auch nur vorgestellt.

»Ja. Wenn Sie das Haus verkaufen möchten.«

Sie räusperte sich. »Geht das denn?«

Der Notar lächelte nachsichtig. »Sie sind die Erbin, Frau Konrads. Sie können damit tun und lassen, was Ihnen beliebt.

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© 2016 Elvira Zeißler